Balm of Gilead
Räucherstoffe der Bibel
„Und der Herr sprach zu Mose: Nimm dir Spezerei: Balsam, Stakte, Galbanum und reinen Weihrauch, vom einen so viel wie vom andern, und mache Räucherwerk daraus.“ (Exodus 30, 34)
Sicherlich ist die Heilige Schrift der Christen auch aus ethnobotanischer Betrachtung interessant. Denn sie ist eine wirklich gute Quelle, wenn es darum geht, die Bedeutung der damals umläufigen Räucherstoffe kulturhistorisch zu erfassen; aber auch, um vor langen Zeiten geschätzte und mit einer hohen Symbol- und Wirkkraft ausgestattete Räucherkompositionen zu rekonstruieren und nachzubilden. Denn geräuchert wurde natürlich auch schon zur Zeit des biblischen Altertums, und zwar nicht nur mit Weihrauch, sondern zudem mit einer ganzen Reihe an weiteren betörenden und spannenden Duft- und Räucherschätzen.
Im Zusammenhang mit biblischen Räuchersubstanzen ist die mythische Gestalt mit dem Namen Königin von Saba besonders erwähnenswert. Diese Königin, welche auch als die Königin des Südens bekannt ist und nicht nur im Alten Testament, sondern auch in jüdischen Schriften, im Koran und unter dem Namen „Makeda“ in der äthiopischen Schrift Kebra Nagast auftaucht, reiste mit großem Gefolge und einer großen Menge an Gold, Edelhölzern, Myrrhe, Weihrauch und anderen aromatischen Räucherstoffen nach Jerusalem, um sich ein persönliches Bild von König Salomos Macht, Wohlstand und Weisheit zu machen.
Sie bemerkte schnell, dass alles, was sie zuvor über den Sohn Davids gehört hatte, der Wahrheit entsprach und schenkte ihm nicht nur die zahlreichen kostbaren Güter, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht hatte, sondern sie vermählte sich auch mit ihm.
Wo genau das Reich der Königin von Saba einstmals gelegen hat, war zwar schon die Forschungsfrage zahlreicher archäologischer Untersuchungen, konnte aber bis dato niemals eindeutig geklärt werden. Die meisten Forscher vermuten jedoch, dass es im Jemen, im Oman oder in Äthiopien gelegen haben muss.
Weitaus bekannter als die Königin von Saba sind heutzutage allerdings die drei Weisen aus dem Morgenland, deren Geschichte im Matthäus-Evangelium (2,10) erzählt wird. Diese drei Männer, die in einigen Übersetzungen fälschlicherweise auch als Könige bezeichnet werden, waren gemäß der ursprünglichen Bezeichnung „Magoi“ in Wirklichkeit weise Magier oder astrologische Sterndeuter; und ob es wirklich drei Männer waren, das wissen wir auch nicht. Es wurde vermutlich deshalb geschlussfolgert, weil es sich um drei Geschenke handelte, die sie dem jungen Jesuskind offerierten: Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Alle drei Güter waren zur damaligen Zeit höchst kostbar, dies sowohl in materieller, medizinischer, spiritueller und symbolischer Hinsicht.
Gold ist ein reines Metall, das astrologisch der Sonne zugeordnet wird und symbolisch gleichermaßen auf das „göttliche Licht“ sowie auf Reichtum verweist.
Weihrauch, das Harz der Boswellia-Bäume, war zur damaligen Zeit nicht weniger kostbar als Gold und steht symbolisch für das Göttliche in Jesus. Gleichzeitig war das aromatische Harz damals eine geläufige Zutat der Salböle, die auch zur Salbung von Neugeborenen verwendet wurden.
Myrrhe ist hingegen ein Symbol für das Menschliche in Jesus und nimmt auf seine Sterblichkeit Bezug, gleichzeitig steht sie aber auch für den Aspekt der Transzendenz. Myrrhe gehörte damals zu den wichtigsten Mitteln für die Einbalsamierung der Verstorbenen.
Ketoret – Das heilige Rauchopfer
„Es soll euch ein Hochheiliges sein. Aber solches Räucherwerk sollt ihr nicht für euch machen, sondern es soll dir als dem Herrn geheiligt gelten.“ (Exodus, 30,37)
Im zweiten Buch Mose werden die Zutaten einer heiligen und Jehova vorbehaltenen Räuchermischung namens „Ketoret“ benannt. Der Gebrauch dieses Räucherwerks außerhalb kultischer Zwecke wurde mit dem Tod oder dem Ausschluss aus der Gesellschaft bestraft. Je nach Bibelübersetzung ist das „Ketoret“ aus nachfolgenden Räucherstoffen zusammengesetzt: Balsam, Stakte, Galbanum und Weihrauch. In einigen Versionen wird überdies von einer Substanz namens Onycha gesprochen.
Balsam = Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich hierbei um das Harz der Myrrheart Commiphora opobalsamum (Syn. Commiphora gileadensis)
Stakte = Bei dem Stakte (hebr. Nataf, dt. „Tropfen“) genannten Räucherstoff könnte es sich gleichermaßen um eine besonders hohe Qualität Myrrhe, um Storax vom Amberbaum (Liquid Amber orientalis), um Labdanum oder um Mastix gehandelt haben. Die genaue botanische Quelle ist bis heute leider ungewiss.
Galbanum = Dieses würzig, scharf und balsamisch duftende Harz entstammt dem Doldenblütler Ferula gummosa. Gewonnen wird Galbanum (Galbahnharz, Mutterharz) durch gezielte Einschnitte am Stängel sowie der Wurzel, worauf das flüssige Exsudat austritt. Gesammelt wird Galbanum, nachdem es an der Pflanze vollständig getrocknet, ausgehärtet und verharzt ist.
Weihrauch = Die Bezeichnung Weihrauch steht für das aromatische Harz der Boswellia-Arten. Vermutlich waren bereits zu biblischen Zeiten verschiedene Weihrauchsorten von unterschiedlichen Weihrauchbäumen bekannt: Boswellia carterii, Boswelia papyrifera, Boswellia sacra u.a.
Onycha = Unter der biblischen Bezeichnung „Onycha“ wurden aller Wahrscheinlichkeit nach die hornartigen Deckelchen (Operculum) bestimmter Meeresschnecken verstanden, sogenannte Räucherklauen. Pur verräuchert verströmen Räucherklauen, die unter anderem am roten Meer gefunden werden können, kein angenehmes Aroma. Jedoch können sie in geringer Dosierung und stets in Kombination mit anderen Räucherstoffen interessante Duftakzente setzen. Weitere Räucherstoffe, die möglicherweise unter der Bezeichnung Onycha gemeint waren, sind Benzoe, Guggul, Labdanum sowie Gewürznelken. Möglicherweise handelte es sich aber auch um eine aus Benzoe und Labdanum zusammengesetzte Duftmischung.
Balm of Gilead
„Geh hinauf nach Gilead und hole Balsam.“ (Jeremia, 46)
Der „Balm of Gilead“ war ein seltenes, aromatisches und naturheilkundlich genutztes Produkt, das nach der Region benannt wurde, in der es erzeugt wurde. Es besteht inzwischen relativ große Einigkeit darüber, dass es sich bei diesem Balsam um ein Pflanzenharz gehandelt haben muss. Meist wurde in der Vergangenheit angenommen, dass die biblische Bezeichnung „Balsam“ auch im Fall vom „Balm of Gilead“ für das Harz von Commiphora opobalsamum steht.
Allerdings ist es so, dass im einstigen Gilead (heute: Syrien und Jordanien) überhaupt keine Commiphora-Arten vorkommen, weder damals noch heute. In Anbetracht dieser Tatsache ist es naheliegender – schließlich wurde das beschriebene Produkt in Gilead gewonnen und von dort aus in andere Gebiete exportiert –, dass der „Balm of Gilead“ in Wirklichkeit das Harz der Terpentin-Pistazie (Terebinthe) oder das Zistrosen-Harz Labdanum war. Denn sowohl die Terpentin-Pistazie als auch die Zistrose gedeihen wildwachsend in der Region, die damals „Gilead“ genannt wurde.
Hinweis: Die harzigen Knospen der Pappel (Populus x jackii) werden in Nordamerika zwar als „balm-of-gilead-buds“ bezeichnet, allerdings haben weder der Baum noch seine aromatischen Knospen einen Berührungspunkt zum originalen Balm of Gilead aus der Bibel.
Myrrhe (Balsam)
Die Myrrhe begleitete Jesus von seiner Geburt bis zu seinem Tod. So bekam er bei seiner Niederkunft von den drei Weisen Myrrhe als eines von insgesamt drei Geschenken übergeben und bei seiner Kreuzigung (nach Markus 15,23) wurde ihm ein betäubend wirkender Myrrhenwein gereicht, den er allerdings abgelehnt hatte. Nachdem er gestorben war, so steht es im Evangelium nach Johannes (19,39), wurde er in Aloe und Myrrhe getränkte Leinentücher gehüllt.
Myrrhe war ein wichtiger Bestandteil des heiligen Salböls, mit dem die Priester und ihre Kultgegenstände gesalbt wurden; weitere Zutaten waren Zimt, Kalmus, Kassia und Olivenöl (Exodus 30,22-24). Außerdem wurde das charakteristisch duftende Gummiharz in der Bibel mehrfach als duftendes Kosmetik- und Schönheitsmittel beschrieben. Frauen trugen pulverisierte Myrrhe zwischen ihren Brüsten oder es wurde in Öl oder Wasser gelöst als Parfum verwendet, das auf Körper (Hohelied 5,5.13), Kleider (Psalm 45,9) und Betten (Sprüche 7,17) geträufelt wurde.
Weihrauch
„Was frage ich nach dem Weihrauch aus Saba und nach dem köstlichen Gewürz, das aus fernen Landen kommt?“ (Jeremia 6,20)
Die Bezeichnung Weihrauch wird in einigen Regionen zwar auch ganz allgemein als Synonym für „Räucherharz“ eingesetzt, eigentlich sind aber ausschließlich die aromatischen Harze der Weihrauchbäume (Boswellia) darunter zu verstehen. Diese Harztränen haben ihren Ursprung in Saba (Jeremia 6,20), waren auch schon damals höchst kostbar und wurden mit Kamelen nach Israel transportiert (Jesaja 60,6). Weihrauch war ein wichtiger Bestandteil des heiligen Räucherwerks (Exodus 30,34) und wurde aufgrund seiner hohen kultischen Bedeutung – ebenso wie die heiligen Salböle – in den Tempeln aufbewahrt (Nehemia 13,5) und von den Leviten bewacht (1. Chronik 9,29).
Adlerholz (Aloe)
Die biblische Bezeichnung Aloe hat schon oft zu Missverständnissen geführt, schließlich steht sie nicht nur für die Aloe vera oder eine andere Aloe-Art, sondern in gleicher Weise für das wohlduftende Adlerholz.
Der etymologische Ursprung dieser biblischen Bezeichnung liegt im hebräischen „Ahaloth“. Einige Forscher vermuten, dass das „Aloe“ des Alten Testaments das harzige Holz des Adlerholzbaums (Aquilaria malaccensis) und das „Aloe“ des Neuen Testaments eine Aloe-Art war, deren bitterer und heilsamer Pflanzensaft auch damals schon bekannt war.
Eindeutig belegt ist diese Annahme jedoch nicht. Sicher ist, dass Adlerholz gemeinsam mit Weihrauch, Myrrhe, Zimt und anderen Naturschätzen zu den kostbarsten Duft- und Räucherstoffen des biblischen Altertums gehörte.
Im 4. Buch Mose (24,6) beschreibt der Prophet Bileam Gottes Vision von Israel, in dem er die Siedlungen mit „vom Herrn gepflanzten Aloen“ vergleicht. Im Psalmenbuch (45,9) wird im Zusammenhang mit einer königlichen Hochzeitsvorbereitung auf die Kostbarkeit und den Wohlgeruch von Adlerholz hingewiesen: „Von Myrrhe, Aloe und Kassia duften deine Kleider; aus Elfenbeinpalästen erfreut dich Saitenspiel.“
Eine Anspielung auf die sexuell anziehende Wirkung von Adlerholz und anderen Aromastoffen finden wir in einer Liebeserklärung im alttestamentarischen Buch Hoheslied (4,13/14): „Du bist wie ein Lustgarten von Granatäpfeln mit edlen Früchten, Zyperblumen, Safran, Kalmus und Zimt, mit allerlei Weihrauchsträuchern, Myrrhe und Aloe, mit allen feinen Gewürzen.“ Ein weiterer Verweis auf das aphrodisierende Potenzial taucht im Buch Sprichwörter (7, 17/18) auf. In der Einladung einer Verführerin an ihren Geliebten heißt es: „Ich habe mein Lager mit Myrrhe besprengt, mit Aloe und Zimt. Komm, wir wollen uns satt trinken an der Liebe bis zum Morgen, lass uns die Liebe genießen.“
Indische Narde
„Da nahm Maria ein Pfund Salböl von unverfälschter, kostbarer Narde und salbte die Füße Jesu und trocknete mit ihrem Haar seine Füße; das Haus aber wurde erfüllt vom Duft des Öls.“ (Johannes, 12,3)
Dieses im Himalaya heimische Geißblattgewächs ist mit dem Baldrian verwandt, was schnell deutlich wird, wenn man den Duft der Rhizome miteinander vergleicht. In der Bibel taucht die Narde an mehreren Stellen in der Darreichung eines sehr kostbaren Öls auf. Eine Verwendung als Räucherwerk ist in der Bibel nicht beschrieben.
Labdanum
Labdanum ist die Bezeichnung für das Harz der Zistrose, dass im Hochsommer aus deren Blättern ausgeschwitzt wird und einen schweren, süßen und orientalischen Duft abgibt. Es existieren Spekulationen dahingehend, dass es sich beim Labdanum auch um das biblische „Onycha“, um „Stakte“ sowie um den „Balm of Gilead“ handelt.
Allerdings konnten diese Theorien bis heute nicht verifiziert werden. In der Bibel wird Labdanum zusammen mit anderen Naturschätzen als kostbare Geschenkgabe erwähnt: „Nehmt von den besten Erzeugnissen des Landes in eurem Gepäck mit und überbringt es dem Mann als Geschenk: etwas Mastix, etwas Honig, Tragant und Ladanum, Pistazien und Mandeln.“ (Genesis 43,11)
In einer anderen Bibelstelle heißt es: „Und siehe, ein Zug Ismaeliten kam von Gilead her; und ihre Kamele trugen Tragant und Balsamharz und Ladanum; sie zogen hin, um es nach Ägypten hinabzubringen.“ (Genesis 37,25) Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Labdanum im einstigen Gilead gewonnen wurde, was wiederum die „Balm-of-Gilead-Theorie“ bekräftigt.
Mastix
Mastix ist die Bezeichnung für das Harz des in mediterranen Gefilden heimischen Mastixstrauches (Pistacia lentiscus, Wilde Pistazie). In der Bibel wird das Harz gemeinsam mit Labdanum als kostbares Geschenk aufgeführt (Genesis 43,11); und in der Tat passen Mastix und Labdanum sowohl wirk- als auch duftspezifisch sehr gut zusammen. Gemäß einer Erwähnung im Buch Hesekiel (27,17) war Mastix in der biblischen Zeit überdies ein wichtiges Handelsgut und Zahlmittel: „Weizen aus Minnit, Pannag, Honig, Öl und Mastix gaben sie für deine Handelswaren.“
Terebinthe
Die Terpentin-Pistazie (Pistacia terebinthus) gehört zwar auch zu den wichtigen Bibelpflanzen, inwiefern ihr Harz einstmals als Räucherwerk von Bedeutung war, geht aus der Bibel allerdings nicht hervor. Man weiß jedoch, dass Terebinthen (hebr. Elah) einstmals an wichtigen Kultorten wuchsen, über die gesagt wurde, dass sie eine besondere Nähe zu Gott ermöglichen können. Beispielsweise offenbart sich einem Richter aus Israel namens Gideon unter einer Terebinthe der Engel des Herrn (Das Buch der Richter 6,11).
Über Jakob heißt es in der Bibel, dass er unter einer Terebinthe bei Sichem fremde Götterbilder und Ohrringe vergrub (Genesis 35,4), und Joshua soll unter einer Terebinthe ein Stein als Zeichen für ein Bündnis aufgestellt haben (Joshua 24,26). Hinweis: Je nach Bibelübersetzung wird auch von einer Eiche gesprochen, wobei dies wahrscheinlich ein Übersetzungsfehler ist.
Styrax
Möglicherweise war das Styraxharz vom Amberbaum einerseits eine Zutat des heiligen Räucherwerks (Exodus 30,34), andererseits die wohlriechende Räuchersubstanz namens „Stakte“. Wenn wir in der Literatur lesen, dass Styraxharz von der Spezies Styrax officinalis stammt, so handelt es sich hierbei um einen Fehler, denn dieser Baum bildet nachweislich aufgrund von fehlenden Harzkanälen überhaupt kein Harz aus, lediglich die Rinde von dieser Spezies wurde einstmals verwendet.
In Wirklichkeit wird das Styrax genannte Räucherharz vom Amberbaum gewonnen; das biblische Styrax entstammt also anzunehmender Weise vom Orientalischen Amberbaum (Liquid Amber orientalis).
Sandelholz
In der Bibel taucht Sandelholz zwar auf, und zwar als Baumaterial für Treppen und andere architektonisch nicht näher bestimmte Gegenstände im Tempel des Königs sowie für Musikinstrumente, aber im zweiten Buch der Chronik (2,7) heißt es dann wie folgt: „Und sende mir Zedern-, Zypressen- und Sandelholz vom Libanon; denn ich weiß, dass deine Knechte das Holz des Libanon zu hauen wissen.“ Da der Sandelholzbaum jedoch aus Indien und nicht aus dem Libanon stammt, ist zu hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass es sich auch hier um einen Übersetzungsfehler handelt und in Wirklichkeit ein anderes Gehölz gemeint war.
Kevin Johann
Kevin Johann ist Ethnobotaniker, Sozialpädagoge (M.A.), Buchautor und Referent sowie Verfasser zahlreicher Artikel zu den Themenkomplexen Pflanzenkunde und Bewusstseinskultur. Seit seiner Jugend interessiert er sich für die faszinierende Welt der Pflanzen und ihre traditionellen Anwendungsmöglichkeiten als Heil- und Ritualgewächse.
www.kevinjohann.de
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