Guaraná – Die sanfte Kraft aus dem Amazonas

Guaraná-Produkte. Foto: Michael Kleim

Guaraná – Die sanfte Kraft aus dem Amazonas

Ethnobotanik Südamerikas

Text und Fotos: Michael Kleim

Guaraná begleitet mich seit vielen Jahren. Die Kraft dieser Pflanze hat mir auf vielfältige Weise geholfen. Der Beitrag könnte auch unter der Rubrik „eine meiner Lieblingsdrogen“ erscheinen.

Begegnet ist mir Guaraná bereits in der DDR, wenngleich nur in literarischer Form. Im Urania-Verlag wurde 1965 das Buch „Die Jagd nach dem Drachen – Rauschgifte, Drogen, Genussmittel“ von Jean-Luc Bellanger in Lizenzausgabe herausgegeben. Jahre später bekam ich dieses Buch geschenkt, da ich mich für den Themenbereich „Drogen“ interessierte. Bellanger listete zahlreiche Substanzen auf, von denen ich vorher noch nie etwas gehört hatte, darunter auch Guaraná. Und schon war meine Neugierde geweckt. Doch es dauerte noch Jahre, bis ich Guaraná in die Hand und in den Mund nehmen konnte.

Auf dem akzept-Kongress 1999 in Hamburg gab es viele innovative Initiativen zu bestaunen. Ein Nebeneffekt für mich war, dass ich hier erstmals Guaraná live in die Hand bekam. Es waren Samen dieser Lianenpflanze, mit denen ich erst einmal nicht wirklich etwas anfangen konnte. Doch ich war begeistert. Endlich fand ich eine der Drogen, von denen ich bisher nur gelesen hatte. Es dauerte nun nicht mehr lange, und ich konnte gemahlenes Pulver erwerben. Der Preis war stattlich, aber ich hatte nun die Möglichkeit, das Potenzial dieser Pflanze zu entdecken. Bis heute gehört Guaraná zu meinen treuen Pflanzenbegleitern.

Zu Guaraná haben u.a. Alexander von Humboldt, Louis Lewin, Bert Marco Schuldes, Claudia Müller-Ebeling und Christian Rätsch geforscht. Die Liane Paullinia cupana kommt im mittleren Amazonasgebiet vor. Dort werden wildwachsende Pflanzen geerntet, aber auch eine gezielte Kultivierung ist möglich. Die Samen enthalten u.a. Koffein, Gerbsäure, Mineralstoffe. Es handelt sich um den höchsten natürlich vorkommenden Koffeingehalt. Dabei wird das Koffein durch den Gesamtkomplex der Guaraná-Pflanze sanfter und langsamer an den menschlichen Körper abgegeben. Dadurch wirkt Guaraná, im Gegenüber von Kaffee, Schwarzem Tee oder Cola-haltigen Getränken, weit weniger aufputschend. Die stimulierende Wirkung kann am ehesten mit der des Grünen Tees verglichen werden und erfolgt sanfter. Dadurch können sogar Menschen, wie ich es in der eigenen Familie erlebt habe, Guaraná für sich nutzen, die körperlich negativ auf Kaffee und Schwarzen Tee reagieren. Interessant ist, dass trotz einer sanfteren Stimulation diese gleichzeitig auch intensiver und langanhaltender wirkt. Guarana fördert Wachheit, Konzentrationsfähigkeit, Achtsamkeit und kann die Stimmung aufhellen. Es steigert die körperliche, geistige und spirituelle Ausdauer. Michael van Straten benennt in seinem Buch „Guarana“ die Aussagen der indigenen Bevölkerung über ihre heilsame Pflanze wie folgt: „Guarana verhindere und bekämpfe Ermüdung, stimuliere die Gehirnfunktion, unterstütze die Konzentration, lindere Kopfschmerz und Menstruationsbeschwerden, mache starke Hitze erträglicher, helfe dem Körper, Wasser auszuscheiden, beschleunige nach einer Krankheit die Genesung und zügle den Appetit“

Bei den indigenen Völkern des Amazonas gilt Guarana als heilige Pflanze. Die getrockneten Samen der Guaraná-Liane werden etwas geröstet, dann zermahlen, mit Maniokmehl und Wasser gemischt, zu einer Guaraná-Paste verdichtet und dann getrocknet. Die so entstehenden Guaraná-Stangen sind leicht transportierbar und verhelfen den Amazonasbewohner*innen auf ihren Jagdzügen zu Konzentration, Wachheit und Ausdauer. Dazu wird etwas Pulver von den Guaraná-Stangen geraspelt und mit Wasser zu einem Getränk bereitet.

Um ihre Entstehung ranken sich verschiedene Mythen. Ernte und Zubereitung erfolgen unter rituellen Abläufen. Guarana war und ist eng mit der schamanischen Kultur und Spiritualität des Amazonas verbunden. Jedes Jahr Ende November oder Anfang Dezember findet in Maués (Nordbrasilien) das große Guaraná-Fest statt. Maués gilt als Zentrum der von Guarana geprägten Kultur und Wirtschaft.

Als ich von der therapeutischen Kraft der Pflanze las, wollte ich es selbst ausprobieren. Seit meiner Pubertät leide ich unter regelmäßig auftretenden Migräneattacken. Diese Krankheit hatte familiäre Tradition. Die Anfälle waren oft heftig, mit starker Übelkeit begleitet und konnten mitunter mehrere Tage anhalten. Der Gebrauch von Aspirin schenkte zwar Linderung, legte sich aber zunehmend auf meinen Magen. Dies steigerte die Übelkeit dermaßen, dass ich langfristig die Nutzung von Schmerzmitteln reduzieren wollte. Deshalb fing ich an, Guarana gezielt gegen meine Migräne einzusetzen. Ich nahm Guarana in Tee oder Zitronenwasser ein, wenn ich spürte, dass ein Migräneanfall sich anbahnte. Auf diese Weise gelang es mir, den Gebrauch von Schmerzmitteln deutlich zu reduzieren. Mit der Zeit konnte ich die Nutzung von Aspirin um ca. 80% senken. Heute bin ich nahezu frei von Migräneanfällen. Schmerzmittel benötige ich diesbezüglich nicht mehr. Neben Guarana war die große Heilpflanze Cannabis dafür verantwortlich.

Doch das Potenzial die Guarana-Liane hat noch mehr zu bieten. In aktuellen gesundheitlichen Krisen, wie Erschöpfung, Burn-out oder Kräfteverlust durch Krankheit, kann Guarana eine hilfreiche Begleitung sein. Weitere therapeutische Möglichkeiten beschreibt Michael van Straten in seinem Buch.

In zahlreichen literarischen Quellen wird auch die aphrodisische Qualität von Guaraná beschrieben. Claudia Müller-Ebeling und Christian Rätsch widmen Guaraná ein eigenes Kapitel in ihrem Standartwerk „Lexikon der Liebesmittel“. Dabei ist die Steigerung von Erotik und Lust auf die durch Guarana verfeinerte Aufmerksamkeit und Achtsamkeit zurückzuführen. Die Intensivierung der eigenen, wachen Präsenz wirkt sich positiv auf sexuelles Erleben aus.

Die Nutzung von Guarana innerhalb des Schamanismus wurde ausreichend belegt. Guarana schafft eine innere Verbundenheit zur Natur und zu spirituellen Wesen. Ich habe erlebt, dass Guarana mir hilft, mit Pflanzen, Orten oder auch Situationen in Kontakt und Beziehung zu gehen. Zudem habe ich die Erfahrung, dass die stimulierende Wachheit sich positiv auf Rituale, Gebete oder Meditationen auswirken kann.

Guarana hat mir im Alltag immer wieder Schwung, Antrieb, Konzentration und innere Offenheit vermittelt. In besonders belastenden Stress-Situationen konnte mich Guarana stärken. Vor einer längeren Fahrt, bei zusätzlichem Arbeitsaufwand oder im Genesungsprozess nach Erkrankung habe ich gern die Hilfe dieser heiligen Pflanze in Anspruch genommen. Dabei habe ich von Guarana immer auch den Hinweis empfangen, konsequent für meine innere und äußere Ruhe zu sorgen.

Guaraná-Pulver besteht aus den gemahlenen Samen der Pflanze. Ich nutze vor allem solches Pulver. Damit kann ich differenziert dosieren und die volle Wirkung nutzen. In kleinerer Menge sind die Kosten deutlich höher, deshalb kaufe ich größere Abpackungen über das Internet. Angeboten werden auch Guaraná-Kapseln und Kautabletten. Als Liquid hat es, natürlich immer produktabhängig, oft auch intensive Wirkung. In niederländischen Smart-Shops und bei verschiedenen Online-Anbietern gibt es Ampullen unter den Namen „X-Treme Guarana“ mit starkem Effekt. Dies benutze ich nur in besonderen Situationen. Traditionell wird Guaraná auch als Erfrischungsgetränk konsumiert. Die Marke „Guaraná Antarctica“ wird seit 1921 in Brasilien produziert. Inzwischen gibt es vielfältige Angebote von Limonaden, Energiedrinks und sogar Bieren, die Guaraná enthalten. Als Zutat in Kräutertees finden wir Guarana ebenso wie in Energieriegel, Schokolade, Bonbons und Kaugummi. Auch kakaohaltigem Getränkepulver wird Guaraná beigegeben. Die Produktserie „Koawach“ bietet Guarana-Kakao-Pulver und wirbt mit Bioqualität und Fair Trade Moral.

Persönlich halte ich zahlreiche Guaraná-Produkte für überteuert. Ich nutze bevorzugt das pure Pulver und kreiere lieber selbst Rezepte. Die Verbindung zwischen Guaraná und Kakao hat sich m.E. bewährt und bringt die spezifischen Wirkungen beider Pflanzen zur Wirkung. Auch im Kräutertee ist Guarana gut konsumierbar. Jedoch empfinde ich das Trinken mittels Fruchtsafts am angenehmsten und effektivsten. Ausnahme war Bananensaft, da ich den Geschmack dabei als unangenehm erlebte. Ein Rezept ist der „Trank der drei Kontinente“. Dazu wird einem Glas Fruchtsaft je ein Teelöffel Guaraná, gemahlene Cola-Nuss und Ginseng-Pulver beigemischt. Ein sehr effektiver Energietrunk.

Vor Gebrauch einer Kombination stärkerer Psychoaktiva ist stets Vorsicht zu walten.

Alkohol und Guarana bringt den Effekt, die eintrübende und lähmende Wirkung des Alkohols abzumildern. Zudem wird der „Kater“ am nächsten Morgen gedämpft. Auch Cannabis und Guarana bietet Chancen, soweit der/die Konsument*in mit beiden Pflanzenkräften gut vertraut ist. Guaraná hilft, die Cannabiswirkung wacher und klarer zu erleben. Vor einer Mischung mit anderen Stimulantien wie Kaffee, Cola, Amphetamin oder Kokain, würde ich deutlich abraten.

Quellen und Literaturempfehlungen

  • Belanger, Jean-Luc „Die Jagd nach dem Drachen – Rauschgifte, Drogen, Genußmittel“, Urania-Verlag Leipzig, Jena, Berlin 1965
  • Müller-Ebeling, Claudia und Rätsch, Christian „Lexikon der Liebesmittel“, AT Verlag 2003
  • Rätsch, Christian „Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen“, AT-Verlag 5. Auflage 2001
  • Schuldes, Bert Marco „Psychoaktive Pflanzen“, Werner Pieper & The Grüne Kraft, 16. Auflage 2005
  • van Straten, Michael „Guaraná – Energiespendende und heilkräftige Samen aus dem Amazonas-Regenwald“, AT Verlag 1996