Keith Haring – die archaische Zukunft
Chaos und Cyber-Kultur
Text: Timothy Leary
Keith Haring war voller Leben. Er glühte, sprühte und tanzte durch die Welt und spritzte lebendige Farben über unsere Pop-Augen.
Glich er nicht einem anmutigen, blonden griechischen Gott, als er in Turnschuhen, Netzhautspuren von Regenbogenstreifen und Technicolorkreisen hinter sich her sprayte und unseren Geist zum vibrieren brachte, uns mit neunzig Lächeln pro Stunde überholte und seine RPM (Realitäten pro Minute) zu Rekordgeschwindigkeiten beschleunigte?
Keith Haring spielte eine wichtige Rolle in einer kritischen Geschichtsperiode. Er vollendete seine Mission während der achtziger Jahre, einem bewegten, furchterregenden Jahrzehnt. In dieser Zeit des kulturellen Zusammenbruchs und des sozialen Chaos übernahm Keith die traditionelle Rolle des darstellenden Philosophen. Keith feierte das Leben, steckte uns mit seinem Tanzen an, dem freudigen Hüpfen weiser Kinder, mit erotischer Energie und dämonischen Auseinandersetzungen.
Barry Blinderman hat Keiths Natur als das „halluzinatorische Interface der Biologie und Technologie unserer zunehmend kybernetischen Gesellschaft“ beschrieben.
Future Primeval, Barrys Titel für eine Keith Haring Ausstellung, bringt es auf den Punkt. Die Kunst von Keith umspannt die Geschichte des menschlichen Geistes.
Er hätte im Paläolithikum aus einer Zeitkapsel springen, eine Höhlenzeichnung machen können, und die Höhlenbewohner hätten ihn verstanden und gelacht – vor allem die Kinder. Ich zeigte ein paar seiner Bilder den Aborigines, die mich initiierten, und sie begannen zu grinsen und mit ihren Köpfen zu nicken. Keith kommunizierte mit den grundlegenden, globalen Symbolen unserer Art.
Hier zeigt sich eine andere, schreckliche Dimension von Harings Genie. Je mehr wir uns dem Informationszeitalter des 21. Jahrhunderts nähern, desto klarer wird, dass sich eine Weltsprache entwickelt. Die Schrift – die Verwendung von Buchstaben zur Kommunikation – ist das größte Hindernis zwischen Klassen, Rassen und den Nationen.
Diese neue Sprache wird eine Symbolsprache sein. Sie wird in digitalen Mustern mitgeteilt, mittels Fiberglaskabel auf dem Bildschirm erscheinen und die Menschen durch den Virtual-Reality-Kopfhörer-Empfänger erreichen. Bilder sind der Schlüssel zur Informationswelt von morgen.
Die Passivität des Fernsehens wird vom persönlichen Darstellen ersetzt werden. Genauso wie im Industriezeitalter von allen erwartet wurde, dass sie lesen und schreiben konnten, wird in Zukunft von allen erwartet, dass sie Bilder verstehen und erzeugen können. Alle werden mithilfe von digitalen Geräten Künstler sein. All die Graffiti, die man heute in unseren Städten sieht, sind ein interessanter Vorgeschmack dessen, was kommen wird. Und wessen Arbeit hat diese urbane Kunst am stärksten inspiriert?
Es ist da noch etwas zu Keith Harings dionysischer Kraft zu sagen. In seinen letzten Jahren setzte er sich mit dem Dämon der menschlichen Existenz, dem Tod, auseinander, rang mit ihm und triumphierte sogar über ihn.
In seinem legendären Interview mit der Zeitschrift „Rolling Stone“ im Jahre 1989 fragte David Sheff Keith Haring, wie Aids sein Leben verändert habe. Keith antwortete: „Das Schlimmste ist für mich zu wissen, dass es noch so viel zu tun gibt. Ich bin ein richtiger Workaholic, und ich fürchte mich davor, eines Morgens aufzuwachen und nicht mehr arbeiten zu können.“
David Sheff: „Nimmst du dir auch Zeit zum Ausruhen?“
Keith: „Ich muss mich dazu zwingen, sonst würde ich nicht zu arbeiten aufhören. Doch ich nehme mir genug Freizeit. Ich kann mich nicht beklagen, wirklich nicht. Auf eine gewisse Art kommt es einem Privileg gleich, zu wissen, dass ich bald sterben werde. Als kleiner Junge hatte ich immer das Gefühl, dass ich sehr jung, vielleicht schon mit zwanzig, sterben würde. So habe ich mein Leben immer aus dieser Erwartung heraus gelebt. Ich tat alles, was ich zu tun wünschte, und ich tu immer noch, was ich will.“
Hier Keiths letzte Worte aus dem Interview mit Sheff:
„Wenn man sich dem Ende der Geschichte nähert, muss man anfangen, alles dem einen unterzuordnen. An diesem Punkt befinde ich mich jetzt. Ich weiß zwar nicht, wie weit das führen wird, aber ich weiß, wie wichtig es ist, das jetzt zu tun. Das Ganze wird sehr viel deutlicher und irgendwie wirklich befreiend.“
Nun, das sind Worte, starke, weise Worte zwar, doch immer noch Worte.
Keith Haring wiederholte die Weisheit der buddhistischen Mystiker, die das „Tibetanische Totenbuch“ geschrieben haben. Dort werden die verschiedenen Stadien beschrieben, die man auf dem Weg zum endgültigen Ereignis durchschreitet.
Moderne Psychologen stimmen damit überein. Zuerst befindet man sich in der totalen Ablehnung, dem folgt die totale Seelenqual, die, hoffentlich, vom befreienden Akzeptieren abgelöst wird. Was mich so bewegt, ist, dass Keith diese starken Empfindungen in seinen letzten Werken auslebte, herausarbeitete und verwirklichte.
Als er 1987 erfuhr, dass er HIV-positiv ist, machte er ein erstaunliches Bild mit dem Namen „Weeping Woman“; es ist schockierend anders als seine übrigen Bilder. Es stellt den Schmerz und Terror dar, den er damals verspürte und den wir alle empfanden, als wir von Keiths Zustand erfuhren.
Ein Jahr später machte er strahlende Bilder, welche die Geburt und das Leben feierten.
Zwei Jahre später entstand, in Zusammenarbeit mit seinem Idol und Mentor, William S. Burroughs, das monumentale Werk „Apokalypse“.
Dieses aus zwanzig Leinwänden voller Gedichte und Zeichnungen bestehende Opus feierte das Ende des christlichen Jahrtausends und den Beginn eines neuen Heidentums.
In der elegant formulierten Einführung zur „Apokalypse“ beschreibt Burroughs die Virtual-Reality-Kunst der Zukunft:
„Wenn die Kunst den Rahmen verlässt und das geschriebene Wort die Seite – ich meine damit nicht den materiellen Rahmen und die materielle Seite, sondern die Rahmen und Seiten der festgelegten Kategorien – dann zeigt sich die eigentliche Beschreibung der Wirklichkeit selbst; die freie Gestaltung der Kunst. Jeder ernsthafte Künstler ist auf der Suche nach Wundern. Der Maler will, dass seine Bilder sich aus dem Rahmen herausbewegen, aus dem Bild heraus, und ein Loch im Stoff ist alles, was es braucht, damit die Hölle durchfließt.“
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Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Chaos und Cyberkultur (1997), erschienen im Nachtschatten Verlag (vergriffener Titel).






