Lòl lú’um – »die Blüten der Erde«

Opferritual, bei dem ein Truthahn einer Art Stele, die mit einer Psilocybe-Kultur gekrönt erscheint, dargebracht wird. (Codex Dresdensis 26c)

Lòl lú’um – »die Blüten der Erde«

Entheogene Pilze bei den Tieflandmaya

Text: Christian Rätsch

»Ich sah mexikanische Szenerien.
Obwohl ich versuchte die Dinge auf
normale Art zu sehen, ging das nicht
mehr, alles war einfach mexikanisch.
Vom Arzt, der diesen Versuch überwachte,
hatte ich das Gefühl, er sei ein
mexikanischer Priester, der gekommen
war, um mir das Herz heraus zu nehmen.
Ich dachte mir, daß ich mir alles nur
einbilde, weil ich um die Herkunft dieser
Pilze aus Mexiko wußte.«
Albert Hofmann über ein Selbstexperiment

 

Die Blüten der Erde

In Mexiko kommen über 70 % aller bekannten entheogenen Psilocybe-Arten vor. Die meisten sind Dungbewohner; nur wenige, z. B. Psilocybe aztecorum, sind Waldbewohner. Im Mayatiefland kommen nur wenige Psilocybe-Arten vor (Guzmán 1983). Die visionsschenkenden Psilocybe-Pilze werden von den yucatekischen Maya lòl lú’um, „Blüten der Erde“, genannt. Dass psychoaktive Pflanzen ungeachtet ihrer biologischen Struktur als „Blüten“ bezeichnet werden, war schon in der aztekischen Poesie und Ritualsprache gebräuchlich.

Auch die im Hochland von Mexiko lebenden Huichol nennen die meskalinhaltigen Peyotekakteen (Lophophora williamsii) metaphorisch „Blüten“ (Wasson 1973). Unter den modernen Maya, die den Hauptteil der Bevölkerung der Halbinsel Yucatán (Campeche, Yucatán, Quintana Roo) ausmachen, kennen nur sehr wenige die Kräfte der entheogenen Pilze. Bei meinen Forschungsaufenthalten konnte ich nur von wenigen Männern einige kümmerliche Informationen erhalten. Ich habe nur ein paar Männer getroffen, die Psilocybe-Pilze gegessen hatten.

Der durch die Pilze hervorgerufene psychedelische Zustand wurde als eine Art Traum (wayak’) betrachtet. Bisher habe ich keinen Schamanen (Maya h-mèn, „der Macher“) getroffen, der die Pilze rituell oder für diagnostische Zwecke verspeist. Die meisten Maya-Schamanen benutzen zur Induktion einer hellseherischen Trance Stechapfelsamen (Datura innoxia, in Maya xtohk’uh, „Wesen in Richtung der Götter“), Ololiuquisamen (Turbina corymbosa oder Ipomoea violacea, in Maya xtabentum, „Edelsteinkordel“), Tabak (Nicotiana tabacum, in Maya k’uts); der Tabak wird mit Stechapfelblättern zu Zigarren gedreht, die vom Schamanen bei Heilritualen geraucht werden (Rätsch 1992).

All diese Pflanzen der Götter wurden vermutlich schon in präkolumbianischer Zeit benutzt (Thompson 1977). Viele Menschen, die sich eingehender mit präkolumbianischen Mayakunstwerken beschäftigen und die über Erfahrungen mit psychedelischen Pilzen verfügen, sind davon überzeugt, dass die Kunst der alten Maya ihre Wurzeln in der Erfahrung mit Psilocybe-Pilzen hat. Der visionäre Charakter der gesamten Kunst ist offensichtlich.

Zudem haben die Tieflandmaya Visionen oft direkt dargestellt (Dobkin de Rios 1974). Das Symbol oder Schriftzeichen für „Vision“ war eine Schlange oder ein Schlangenkopf mit aufgesperrtem Rachen, aus dem ein menschlicher Kopf hervorlugt (Schele & Freidel 1991). Aber auch konservative Archäologen wie Sir Eric Thompson haben schon vermutet, dass die Tieflandmaya bei schamanischen und divinatorischen Ritualen psychoaktive Pilze verspeist haben (Thompson 1970). Manche Gelehrte glauben, dass die yucatekischen Maya über Handelsverbindungen mit dem Hochland von Guatemala und Zentralmexiko getrocknete Pilze erhielten (McGuire 1982).

Palenque, der Nabel der Welt

Im südwestlichen Mayatiefland liegen die malerischen Ruinen von Palenque (Bundesstaat Chiapas). Sie stammen aus der klassischen Mayazeit (300–900 n. Chr.) und gehören zu den architektonischen und ästhetischen Meisterwerken der Mayakultur. Die einst prächtig bemalten Tempel und Pyramiden bildeten ein wichtiges Zeremonialzentrum. Vermutlich war Palenque schon in vorspanischer Zeit ein Pilgerort.

Heute sind die Ruinen von Palenque eines der beliebtesten Ausflugsziele für Touristen und ein (offener) Geheimtipp bei Pilzgenießern in aller Welt. Denn auf den umliegenden Wiesen mit alten Dungablagerungen (Kuhfladen) gedeihen die Zauberpilze fast das ganze Jahr über prächtig. Zwei Arten konnten bislang identifiziert werden. Der bei weitem häufigste Pilz auf den Wiesen ist der Stropharia cubensis. An manchen Orten wachsen auch die potenten Copelandia cyanescens (= Panaeolus cyanescens).

Beide Arten sind höchstwahrscheinlich mit den europäischen und asiatischen Rindern nach Mexiko eingeführt worden, dürften also in den präkolumbianischen Kulturen keine Rolle gespielt haben. Eine ursprünglich einheimische Art, z.B. Psilocybe mexicana, konnte dort bisher nicht beobachtet oder aufgesammelt werden. Die Chol-Indianer, die in größerer Zahl in der näheren Umgebung von Palenque leben, kennen die bei den Touristen so beliebten Zauberpilze unter dem Namen tenkech. Ob sie von den Chol oder ihren Schamanen rituell verspeist werden, ist unklar. Für die Lakandonen, die noch die vorspanische Mayareligion bewahrt haben, stellen die Ruinen von Palenque die Häuser der Götter dar und gelten als der Nabel der Welt.

Ihrer Schöpfungsgeschichte zufolge wurden in Palenque die Götter aus den Blüten der köstlich duftenden Nachthyazinthe (Polianthes tuberosa) geboren. Die Götter wiederum schufen die Menschen, die Tiere und den Regenwald (die Selva Lacandona). In der Schöpfungsgeschichte sprach Hachäkyum (Unser Wahrer Herr), der hauptsächliche Schöpfergott der Lakandonen: Diese Pilze hier, sie sollen sich alle zu Bäumen verwandeln. Am Anfang des Waldes waren also die Pilze, aus denen die Bäume hervorgegangen sind.

Dieses mythische Bild ist vielleicht eine Erinnerung an die Entstehung der Welt aus einer Pilzvision. Möglicherweise deutet sich eine Verwandtschaft des Weltenbaumes mit einem viel ursprünglicheren Weltenpilz, sozusagen als Fahrstuhl der Schamanenseele, an.

In den siebziger Jahren, als Touristen und Anthropologen aus aller Welt nach Palenque strömten, um dort von den Chol-Indianern hongos maravillosos oder magic mushrooms zu kaufen und in den Ruinen zu verzehren, kam das Gerücht auf, auch die Lakandonen, die oft zu den Ruinen kamen, um ihre Pfeile und Bögen zu verkaufen, würden psychedelische Pilze in ihren Ritualen verwenden. Die amerikanische Archäologin Merle Greene Robertson konnte in der Umgebung des Río Usumacinta die psychedelischen Arten Panaeolus venenosus (= Psilocybe subbalteatus) und Psilocybe cubensis (= Stropharia cubensis) identifizieren. In einer Publikation von 1972 behauptete sie, die Lakandonen von Mensäbäk würden derartige Pilze “as long as anybody can remember” in ihren Ritualen verwenden.

In einem Brief an Arthur Rubel schrieb sie: Die Lakandonen legen die Pilze in “the ritual bowls or on small stone altars in ancient Maya oratorios. The purpose of their use, according to the Lacandones, was to contact their gods”. Von da an sickerte dieses Gerücht in weitere Publikationen ein. In seinem einflussreichen Werk Traumzeit schrieb Hans Peter Duerr schließlich: Während man früher geglaubt hatte, die Maya seien ein Volk gewesen, dem der Gebrauch bewusstseinserweiternder Drogen ferngelegen hätte, hat man in jüngerer Zeit bei den Lakandonen die rituelle Verwendung des Pilzes Stropharia cubensis beobachtet.

Leider muss ich mit großem Bedauern feststellen, dass hier der Wunsch nach psychedelischen Indianern die Mutter des Gerüchtes war. Ich konnte bei meiner Feldforschung nicht den geringsten Hinweis für eine derartige Behauptung finden. Ich habe an ca. 30 balche’-Zeremonien aktiv teilgenommen und gelernt, wie der balche’-Trunk aus Wasser, Honig und der Rinde des balche’-Baumes (Lonchocarpus violaceus Benth.) gebraut wird. Doch niemals wurden Pilze in irgendeiner Form dem schwach alkoholischen und leicht psychoaktiven Trunk zugesetzt.

Ich habe auch direkt nachgefragt, ob jemals Pilze in die balche’ eingelegt wurden. Alle dazu befragten Lakandonen verneinten. Ich weiß nur von einigen Lakandonen, die von Touristen psychedelische Pilze (wahrscheinlich Stropharia cubensis) erhalten haben. Ein Lakandone benutzte bei seiner Erzählung das spanische Lehnwort hongos. Die Wirkung beschrieb er mir als p’iis in wayak’, wie in meinen Träumen. Alle Lakandonen, denen ich Stropharia cubensis von Palenque gezeigt habe, kannten ihn nicht und nannten ihn, wenn überhaupt, hongo. Einige wussten, dass der Stropharia cubensis bei den Touristen ein beliebter Speisepilz ist.

Auch wenn weder die Lakandonen noch die Chol einen traditionellen Gebrauch von entheogenen Pilzen kennen, ist es trotzdem möglich, dass die alten Maya Pilze rituell benutzten. Obwohl aus dem Mayatiefland keine Pilzsteine bekannt sind, sondern lediglich ein paar pilzförmige Keramiken sowie zwei Fragmente, die möglicherweise von Pilzsteinen stammen, gibt es archäologische Objekte und ethnohistorische Quellen, die auf die rituelle, religiöse und medizinische Bedeutung psychoaktiver Pilze verweisen.

Gold aus des Wassers Tiefe

Im nördlichen Yucatán liegt der Ort Chichén Itzá, der von den amerikanischen Touristen, die täglich in riesigen Strömen die archäologische Zone überfluten, »Chicken Pizza« genannt wird. In der Nähe der großen Pyramide des Kukulcán (»Gefiederte Schlange«) liegt der Cenote de Sacrificio, der berühmte Opferbrunnen von Chichén Itzá. In das tiefe Wasser wurden über die Jahrhunderte zahlreiche Objekte als Opfer- und Weihegaben geworfen. Hunderte von gut erhaltenen Artefakten aus der spät- und postklassischen Mayazeit konnten bei Unterwassergrabungen geborgen werden. Unter den vielen mexikanischen Stücken befand sich ein goldenes Darien Pectoral, das offensichtlich als Opfergabe in den natürlichen Brunnen geworfen worden war. Diese anthropomorphen Goldschmuckstücke stammen aus dem vorspanischen Kolumbien und zeigen immer ein Paar von pilzförmigen Auswüchsen, die oft wie »psychedelische Antennen« am Kopf angebracht sind. Alles deutet darauf hin, dass diese Darien Pectorals Ausdruck eines präkolumbianischen Pilzkultes der Tairona und verwandter Völker sind (Schultes & Bright 1979: 113f). Die Maya erhielten solche Objekte im Tauschhandel. Ob sie mit einem in Yucatán heimischen Pilzkult korrespondierten, bleibt noch Spekulation, ist aber doch möglich. Denn auch bei modernen Pilzbenutzern ist zu beobachten, dass sie sich Pilzartefakte aus fernen Ländern besorgen und in ihrem rituellen Pilzgebrauch benutzen.

Es sind aus der vorspanischen Zeit vier verschiedene Handschriften der Maya (Codices) erhalten geblieben. Der Codex Dresdensis ist die bedeutendste präkolumbianische Mayahandschrift (Deckert & Anders 1989). Diese Bücher waren Almanache und dienten den Priestern als Handbücher bei der Divination (Love 1994). Der amerikanische Mykologe Bernard Lowy interpretiert eine Stelle im Madrid Codex, sowie der Abschrift Galindo Codex, als rituelle Opferung eines Fliegenpilzes (Lowy 1972). Eine Darstellung auf Seite 51b im Madrid Codex (= Codex Tro-Cortesianus) zeigt den sogenannten Gott M, der nach Lowy einer Gottheit im Tempel über einem Gefäß mit Rauschtrank (balche’) einen Fliegenpilz darbringt. Bei einer vergleichbaren Szene (Madrid Codex, S. 95b) steht über dem »Pilz«, der von Gott M überreicht wird, die Glyphe cimi, »Tod, gestorben«.

Der zu den schwarzen Göttern zählende Gott M ist wahrscheinlich mit der yucatekischen Gottheit Ek Chuah identisch und erinnert in all seinen Attributen stark an Yacatecuhtli (»Herr der Nase«), den aztekischen Gott des Handels. Der durchweg langnasige Gott M wird oft bei der Feuerbohrung, beim Blutopfer, beim Schlagen des Blitzes und mit einem Wanderstab dargestellt (Taube 1992: 88–92). Gelegentlich trägt er einen Skorpionschwanz. Seine Namenshieroglyphe ist ein schwarz umrandetes Auge der alten Götter – möglicherweise wird dadurch seine Fähigkeit zum magischen Sehen angedeutet. Im Madrid Codex ist er öfter als in den anderen Handschriften dargestellt. Dort erscheint er im Zusammenhang mit der Bienengottheit (Ah Muzen Cab), der Bienenzucht und dem Honig, der zur Herstellung des balche’-Trunkes notwendig ist (Tozzer & Allen 1910: 301). Er hat auch Beziehungen zu Tod und Unterwelt. Er gehört vielleicht zu den bolon ti kuh, den »Neun Göttern der Unterwelt«. Im Codex Dresdensis gibt es jedoch einige Göttergestalten, die ikonographische Elemente aufweisen, die sehr stark an Psilocybe mexicana erinnern. Aus den Darstellungen könnte man schließen, dass die Pilze rituell verspeist, ja sogar für bestimmte Rituale gezüchtet wurden. Einige Gestalten erinnern an den Herabsteigenden Gott. Sie halten in ihren Händen Gebilde, die sie offensichtlich aus dem Himmel auf die Erde bringen. Wurden die Pilze der Götter zu den Blüten der Erde?

Die Nabelschnur von Tulum

Im äußersten Osten des Mayatieflandes, direkt an der yucatekischen Karibikküste, liegen die Ruinen von Tulum – eine kleine Maya-Anlage aus der postklassischen Zeit (10.–14. Jh.). Dort gibt es den Tempel des Herabsteigenden Gottes (Struktur 5), der im Inneren mit Wandmalereien ausgeschmückt ist (Miller 1982). Der »Herabsteigende Gott« ist wahrscheinlich eine anthropomorphisierte Form des Bienengottes Ah Muzencab, des himmlischen Rauschtrankspenders. Der von Lowy als Fliegenpilz gedeutete Gegenstand in der Hand des Gottes M erscheint hier als eindeutig florales Element in der himmlischen Nabelschnur, die auf der zentralen Wandmalerei der Struktur 5 abgebildet ist (Miller 1982: Plate 37). Wenn es sich dabei tatsächlich um einen (Fliegen-)Pilz handeln sollte, so hätten wir hier eine eindeutige schamanische Beziehung des Pilzes zur Geisterwelt (vgl. Love 1994: 87). Im Übrigen erinnern die Tulum-Malereien stilistisch an die Wandmalereien von Teotihuacan – besonders an Details, die von Gordon Wasson (1983) als Pilze, von William Emboden (1981) allerdings als psychoaktive Seerosen (Nymphaea ampla) interpretiert werden. In der kosmischen Nabelschnur von Tulum befinden sich auch körperlose Augen, die möglicherweise Symbole für den seherischen Zustand, erzeugt durch Entheogene, waren (Ott & Wasson 1983).

Die Wandmalerei im Tempel des Absteigenden Gottes von Tulum ist die typische Darstellung einer schamanischen Imago mundi (vgl. Ripinsky-Naxon 1993). Die Malerei ist in drei übereinanderliegende Zonen oder Bereiche aufgeteilt. Das obere Reich stellt, angedeutet durch das himmlische Band und die blaue Farbe, die Himmelsschicht der Maya-Kosmographie dar. Im mittleren Bereich – offensichtlich ein Ritualgebäude auf der Erde – werden menschliche Figuren bei der Ausführung einer Zeremonie gezeigt. Im unteren Bereich des Wandgemäldes wird die Unterwelt, angedeutet durch das Jaguarband, die Unterweltschlangen und Erdmonster, abgebildet (Miller 1972). Diese drei Schichten des Kosmos werden durch eine Schnur, die als Kordel, Nabelschnur oder kuxansum, »lebendes Band«, bezeichnet wird, miteinander verbunden. Die Schnur setzt sich aus mehreren Bändern zusammen. An den Enden der Bänder, die sich später miteinander zu einer Kordel verdrehen, befinden sich Schlangenköpfe, die in der Maya-Ikonographie normalerweise für visionäre Zustände stehen. Aus der Schnur wachsen florale Motive, die eindeutig als Blätter, Blüten, und z.T. als Pilze, vielleicht sogar als Fliegenpilze, erkennbar sind (Rätsch 1995b).

Der Archäologe Arthur Miller, der die Wandmalerei restauriert und beschrieben hat, deutet diese Schnur (twisted cord) als das aus der neueren Mayamythologie bekannte kuxansum, das »lebende Band«, eine Art kosmische Nabelschnur, in der Blut fließt und die im Himmel die alten yucatekischen Zeremonialzentren Uxmal, Chichén Itzá, Cobá und Tulum miteinander verbindet. Diese Schnur scheint dabei ein himmlisches Abbild der als sakbeh, »weißer Weg«, bekannten Zeremonialstraße darzustellen, die archäologisch belegt ist (Miller 1972: 172). Wie Miller selbst sagt, sind verschiedene Deutungen dieses ikonographischen Elementes möglich – und entsprechend der Weltanschauung der Maya wären sie auch gleichzeitig richtig.

Diese »Nabelschnur« von Tulum kann auch als magische Schnur einer schamanischen Kosmologie gedeutet werden. Weltweit verbreitet ist die Vorstellung, dass die Seele oder das Bewusstsein des Schamanen durch eine magische Schnur mit dem sich in Trance befindenden, daniederliegenden Körper verbunden bleibt, wenn sie austritt, um in andere Wirklichkeiten zu reisen. Die heutigen Schamanen von Yucatán lassen ihre Seele in Jaguargestalt aus dem Körper austreten und zum Yuntsil Balam, dem Jaguargott, der in einer Höhle lebt, fliegen. Die magische Schnur ist ein typisches Phänomen in schamanischen Kulturen: »Diese Schnur ist das Hilfsmittel zu erstaunlichen Leistungen wie zum Beispiel dem Aussenden von Feuer aus dem Inneren des Medizinmanns, wobei sie wie ein elektrisches Kabel wirkt. Aufregender noch ist aber die Verwendung der Schnur zum Aufstieg in die Lüfte oder zu den Gipfeln der Bäume oder durch den Raum.« (Etkin 1978: 53)

Ich vermute, dass das Wandgemälde im Tempel des Absteigenden Gottes zeigt, wie die verschiedenen Welten (Himmel, Erde, Unterwelt) miteinander verwoben sind und wie sie durch Rituale – bei denen pflanzliche und pilzliche Entheogene, die als florale Elemente aus der Schnur herauswachsen, eingenommen werden – vom Schamanen bereist werden können. Die Wandmalerei wäre also eine schamanische Kartographie der verschiedenen Wirklichkeiten, in die man während veränderter Bewusstseinszustände Einblick gewinnen kann – dargestellt durch die freischwebenden Augen.

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