Psychedelische Ikonen: Hunter S. Thompson

Hunter S. Thompson 1971 in Las Vegas. Foto: pd

Psychedelische Ikonen: Hunter S. Thompson

Künstlerporträt

Hunter S. Thompson (1937-2005) war ein Vertreter des New Journalism. Er thematisierte LSD erstmals in seinem Buch Hell’s Angels (1967), in dem er den LSD-Konsum der Angels beschreibt. Thompson hatte die Biker mit Ken Kesey und den Pranksters bekannt gemacht, die ihr Acid großzügig mit anderen teilten.

Thompson schrieb, dass Acid die Biker „erstaunlich friedlich” machte. Aber ihre psychedelische Phase endete schon bald. Thompson fasste es so zusammen: „Nach drei oder vier Monaten chronischen übermäßigen Acid-Genusses begannen die meisten Outlaws, ihren Konsum zu drosseln. Einige hatten entsetzliche Halluzinationen bekommen und schworen der Droge gänzlich ab. Einige sagten, sie hätten Angst, LSD könnte sie in den Wahnsinn treiben oder dazu bringen, ihre Motorräder zu Schrott zu fahren.”

Dieser Abschnitt drückt Thompsons gemischte Gefühle hinsichtlich LSD aus. Er mochte den Nervenkitzel, aber er idealisierte die Erfahrung nicht in demselben Maße, wie es viele seiner Zeitgenossen taten.

Thompson lehnte das Leary-Lager als „Treffen intellektueller Wahrheitssuchender, die Weisheit in der Kapsel zu finden hoffen” ab. Er hatte mehr Verständnis für die Pranksters, obwohl sie seiner Meinung nach ein bisschen gleichgültig waren; sie waren zwar nicht so steril wie die Learyiten, aber ihnen fehlte es an Lebensfreude und Geselligkeit.

Keseys La Hondas „Enklave war nur in dem Sinne öffentlich, dass jeder, der Lust hatte, durch das Tor an der Brücke gehen konnte. Doch einmal drinnen, wurde jedem, der nicht die entsprechende Sprache beherrschte, bald sehr unwohl. Acid-Freaks neigen nicht gerade zu wortreicher Gastfreundschaft; sie starren Fremde an oder durch sie hindurch.”

Für einen guten Trip war Thompson die Gesellschaft der Hell’s Angels lieber: „Mit den Angels Acid zu nehmen, war ein Abenteuer. Sie waren zu ungebildet, um zu wissen, was sie erwartete, und zu wild, um sich darum zu kümmern. Sie warfen das Zeug einfach ein und warteten dann ab … Was wahrscheinlich tatsächlich so gefährlich ist, wie die Experten behaupten, aber ein viel, viel abgefahrener Trip, als mit einem überlegen tuenden Versuchsleiter und einer Handvoll Möchtegern-Hipsters in irgendeinem sterilen Zimmer zu hocken.”

In Fear and Loathing in Las Vegas (dt. Titel: Angst und Schrecken in Las Vegas), das er ein paar Jahre nach Hell’s Angels schrieb, hatte LSD für Thompson seinen verrückten Reiz verloren. Es ist entweder der Auslöser von schrecklichem, nutzlosem Wahnsinn oder (vielleicht noch schlimmer) einfach nicht mehr interessant.

Am Anfang von Fear and Loathing in Las Vegas befindet sich Thompson inmitten einer verstörenden Halluzination mit Eidechsenmenschen und blutdurchtränkten Teppichen; er sagt sich selbst, „vergiss diese schreckliche Droge”, und entspannt sich bei ein paar Cocktails in der Hotelbar. Später erlebt sein Freund „höllisch intensive Albträume” auf einem Acid-Trip. Was LSD angeht, zeigt Thompson in Fear and Loathing jedoch insgesamt mehr Gleichgültigkeit als Besorgnis.

Schreckliche Halluzinationen haben ihre Wirkung verloren: „Aber nach einer Weile lernst du, mit Sachen wie dem Anblick der toten Großmutter, die mit einem Messer zwischen den Zähnen dein Bein hochkrabbelt, fertig zu werden”. Er kaut gelassen Blotter-Acid „wie ‘n Bubble Gum” und gibt zynische Kommentare über Leary und die Hippie-Kultur ab:

Das war der fatale Fehler an Tim Learys Trip. Er tobte durch Amerika und verhökerte ,Bewusstseinserweiterung’, ohne je einen Gedanken an die grimmigen Fleischerhaken-Realitäten zu verwenden, die auf alle Leute lauerten, die ihn zu ernst nahmen. Nach West Point und Priesteramt muss ihm LSD als logische Fortsetzung erschienen sein … aber es lässt sich nur wenig Genugtuung schöpfen, dass er selbst schwer aufgelaufen ist, denn schließlich riss er zu viele mit sich. Nicht, dass sie es nicht verdient hätten: Zweifellos haben sie alle nur bekommen, was sie verdienten. All diese bemitleidenswert eifrigen Acid-Freaks, die glaubten, für drei Dollar den Kick Frieden und Verständnis kaufen zu können.

In einem Abschnitt lässt sich Thompson jedoch von Erinnerungen an seine frühere und fröhlichere LSD-Persona hinreißen. Er gibt zu, er „mochte nie die Meinung anerkennen … man könne sich ohne Drogen viel besser antörnen als mit”; er erinnert sich an einen spektakulären Acid-Trip bei einem Fillmore-Konzert, als er das Gefühl hatte, sich „wie ein Mutantenpilz” den Weg freimachen zu müssen. Die Erinnerung an diese Nacht löst in Thompson einen uncharakteristischen Moment von sentimentalem Idealismus aus.

„Seltsame Erinnerungen in dieser nervösen Nacht in Las Vegas. Fünf Jahre später? Sechs? Es kommt mir vor wie ein Lebensalter, wenigstens eine ganze Ära – ein Höhepunkt, der nie wiederkehrt. San Francisco Mitte der sechziger Jahre – ein ganz besonderer Ort und eine ganz besondere Zeit, wenn man daran teil hatte. Vielleicht geschah etwas von Bedeutung.

Vielleicht auch nicht, auf lange Sicht betrachtet … aber keine Erklärung, keine Collage von Wörtern oder Musik oder Erinnerungen reicht an jenes Gefühl heran, zu wissen, dass man dabei war, dass man jenes Eckchen der Zeit und der Welt leibhaftig miterlebte.‟

In gewisser Weise ist Fear and Loathing ein Versuch, die alte Prankster-Stimmung wieder aufleben zu lassen. Er und sein Anwalt haben ihre eigene Version des Busses – ein protziges, rotes Cabriolet – und sie haben ihre Freude daran, die Leute um sich herum mit inszenierter halluzinogener Verrücktheit zu provozieren.

Thompson diente als Vorlage für die Figur „Uncle Duke” in Garry Trudeaus Comicstrip Doonesbury. Uncle Duke – dessen Name auf „Raoul Duke”, Thompsons Pseudonym in Fear and Loathing, zurückgeht – gönnt sich häufig psychedelische Drogen, aber wie bei Thompson weisen seine politischen und kulturellen Instinkte keine Ähnlichkeiten mit den Hippie-Idealen auf.

Wayne Glausser

Dieser Text ist dem Buch LSD-Kulturgeschichte von A bis Z entnommen (Nachtschatten Verlag, 2018).