Schamanismus und psychoaktive Pflanzen in Südafrika (1)

Schamanismus und psychoaktive Pflanzen in Südafrika (1)

Ethnobotanik

Text: Kevin Johann

Wenn wir von Schamanismus und psychoaktiven Pflanzen- oder Pilzverbündeten hören, denken die meisten Personen sicherlich an Peru, Mexiko oder an Sibirien. Doch auch in Südafrika finden wir schamanische Kulturen, deren traditionelle Heiler zur Ausführung ihrer Arbeit auf unterschiedliche geistbewegende Pflanzen zurückgreifen. Im Vergleich zu anderen schamanisch lebenden Volksgruppen ist der Schamanismus in Südafrika jedoch noch ein sehr unerforschtes Gebiet. Nur ein paar wenige Wissenschaftler haben sich diesem höchst spannenden Thema bislang angenommen. Die Arbeiten von Jean-Francois Sobiecki und Manton Hirst, auf deren Forschung sich auch der vorliegende Artikel stützt, seien an dieser Stelle besonders betont.

Am bekanntesten ist ein ritueller Gebrauch von psychoaktiven Pflanzen von den beiden Bantu sprechenden Stämmen der Zulu und Xhosa. Von traditionellen Heilern beider Stammesgruppen ist bekannt, dass sie für ihre Arbeit geistbewegende Pflanzen einsetzen, vor allem aber solche, deren eigentliche Psychoaktivität sich primär auf das Traumbewusstsein auswirkt. Schließlich ist der luzide Traum für viele südafrikanische Heiler der Zugang in die „andere Wirklichkeit“, und so ist es naheliegend, dass eine ganze Reihe verschiedener und inzwischen auch im Westen bekannter Traumpflanzen aus Südafrika stammt. Bisweilen werden aber auch andere psychoaktive Pflanzen in Südafrika gezielt für die schamanische Arbeit genutzt, was aber der Inhalt des zweiten Teils dieses Artikels sein wird.

„Diviner“ und „Herbalist“

Südafrikanische Heiler des Zulu- sowie des Xhosa-Stammes werden üblicherweise nicht als Schamanen bezeichnet, sondern als „diviner“ (dt. Wahrsager) oder als „herbalist“ (Kräuterkundiger). Während der „herbalist“ (inyanga, ixhwele) auf das Sammeln und Zubereiten von Pflanzen spezialisiert ist, wird der „diviner“ (insangoma, igqirha), der meist ebenfalls ein Experte in der traditionellen Pflanzenmedizin ist, vorrangig für seine spirituellen Praktiken konsultiert.

Der „diviner“ beherrscht die Bewusstseinstechnik des luziden Träumens, die ihn dazu befähigt, in Kommunikation mit den Ahnengeistern zu treten und das Unglück oder die Erkrankungen der Patienten zu diagnostizieren. Psychoaktive Pflanzen werden sowohl vom „diviner“ als auch vom „herbalist“ verwendet und verordnet, allerdings verfügt der „diviner“ über spezielle Kenntnisse in Bezug auf die Ubulawu-Pflanzen, die bei den Heilungsinitiationen genutzt werden; denn meistens zeigen sich die dafür benötigten Pflanzen, die je nach Anwendungszweck variieren können, zunächst im Traum. Es sei jedoch betont, dass es auch einige „diviner“ gibt, die zur Gänze auf die Einnahme von Ubulawu oder weiteren geistbewegenden Pflanzen verzichten und sich anderer Werkzeuge bedienen, beispielsweise dem sogenannten „Knochenlesen“.

Der Initiationsprozess und das Phänomen der sogenannten Schamanenkrankheit

Bevor im Xhosa-Stamm eine Person zum „diviner“ initiiert wird, ist es von unerlässlicher Relevanz, dass sich dieser zunächst von seinen eigenen Erkrankungen (inkathazo) heilt, die einen berufenen Heiler und Wahrsager zwangsläufig zeitweise in Besitz nehmen werden. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, das in sehr vielen schamanischen Kulturen beobachtet werden kann und als sogenannte „Schamanenkrankheit“ bezeichnet wird; sie ist quasi der erste Schritt der Initiation (ukuthwasa), weshalb sie in Südafrika auch als „sickness of the calling“ (dt. die Krankheit zur Berufung) bezeichnet wird. Der allgemeine Zustand des angehenden Wahrsagers während des Initiationsprozesses wird in der indigenen Terminologie hingegen intwaso genannt, und inkathazo, das unter anderem das Erleiden verschiedener Krankheitsbilder (auch psychiatrische) sowie ausgiebiges Träumen umfasst, ist eine elementare Charakterisierung dieses besonderen Einweihungszustandes.

Weiter Bestanteile der Initiation sind „Diäten“ mit Ubulawu sowie das Erlernen des luziden Träumens; oftmals zeigen sich dem Initianden während des Einweihungsprozesses im Traum auch verschiedene Pflanzen, die er nutzen soll, und die ihm auf seinem spirituellen Weg und bei der Behandlung seiner „Schamanenkrankheit“ behilflich sind.

Die Fähigkeiten des Wahrsagers

Die besondere Fähigkeit des Heilers liegt nicht ausschließlich in der Fähigkeit, Visionen und luzide Träume herbeiführen zu können, um sich auf diese Weise mit den Geistern der Ahnen zu verbinden, sondern vor allem darin, die dahinterliegenden Bedeutungen zu erfassen und zu artikulieren, damit diese auch zum Wohle des Patienten oder der Gemeinschaft wirken können.

Meistens geht es dabei um das Enthüllen bzw. Sichtbarmachen von ursächlichen Zusammenhängen. Weiterhin ist von einigen Heilern bekannt, dass sie im luziden Traum dazu befähigt sind, vermisste Personen oder Gegenstände zu lokalisieren oder den aktuellen Aufenthaltsort des Jagdwildes ausfindig machen zu können. Letzteres ist vor allem für die als Jäger und Sammler lebenden Stämme von mitunter überlebenswichtiger Bedeutung.

Der luzide Traum als Schlüssel für Ahnenkommunikation und den Eintritt in die visionäre Welt

Der Bewusstseinszustand des luziden Traums (Klartraum) ist für den Heiler der Zugang in die visionäre Welt bzw. die „andere Wirklichkeit“, der ihm nicht nur die Kommunikation mit den Ahnen ermöglicht, sondern auch die Verbindung mit der Schöpferkraft. Auf diese Weise können die Wahrsager Informationen empfangen, welche beispielsweise der körperlichen oder seelischen Genesung eines Stammesangehörigen oder der allgemeinen Stabilisierung des Sozialgefüges innerhalb der Gemeinschaft dienen, was letztlich auch die hohe Bedeutsamkeit von oneirogenen Pflanzen erklärt.

Aufgrund der im luziden Traumbewusstsein erlangten Erkenntnisse ist der Heiler dazu befähigt, passgenaue Heilpflanzenmischungen oder bestimme rituelle Handlungen zu verordnen. Er formuliert bisweilen aber auch Prophezeiungen, die dann eintreten werden, wenn eine bestimmte Situation nicht verändert wird.

Es ist zum Beispiel auch keinesfalls ungewöhnlich, dass der Heiler von einer Pflanze träumt, die zur Behandlung eines Patienten benötigt wird, oder dass er seine Patienten im Traum sieht, noch lange, bevor sie in der diesseitigen Realität persönlich bei ihm vorstellig werden.

Im traditionellen Krankheitsverständnis der Xhosa wird jedes Beschwerdebild als kausale Folge von Hexerei oder einer Disharmonie in der Verbindung mit den Ahnengeistern betrachtet. Diese Ursache kann im luziden Traum behoben werden oder es werden in diesem Zustand die zur Heilung der Erkrankung erforderlichen Information erhalten.

In vielen schamanischen Kulturen existiert die Vorstellung, dass es die Geister (engl. spirits) sind, und vielfach auch die Geister-Ahnen, welche die Träume herbeiführen. Daher steht der Traum in Südafrika immer unmittelbar mit den Ahnen in Verbindung. Es heißt, dass gute Träume den Träumenden direkt mit den Ahnen verbinden, wohingegen schlechte Träume bzw. Alpträume von jemandem geschickt wurden, welche der träumenden Person schaden will.

Ubulawu – Der psychoaktive „Traumschaum“ der südafrikanischen Wahrsager

Ubulawu ist für südafrikanische Xhosa- und Zulu-Schamanen gleichermaßen eine Medizin für Körper, Geist und Seele. Eingesetzt wird der sogenannte „Traumschaum“ üblicherweise in Kombination mit rituellem Tanz und Gesang, für Divinationen und Prophezeiungen, für Ahnen- und Geisterkontakte, zur Stärkung der Intuitionsfähigkeit, zur allgemeinen Gesundheitsförderung sowie zur Herbeiführung von außerordentlich intensiven und klaren Traumzuständen.

Auf der anderen Seite wird er, insbesondere von schamanischen Novizen bzw. herangehenden Heilern, als Seife für rituelle Körperwaschungen (umlaza) sowie als brechreizauslösendes Emetikum (ukugabha) verwendet. Denn nach Auffassung südafrikanischer Heiler kann die heilige Medizin Gesund- und Bewusstheit nur dann fördern, wenn mit ihr nicht nur der Geist gereinigt wird, sondern auch der Körper – von innen und von außen. Ubulawu hat aber noch weitere rituelle Applikationen: Beim intambo-Ritual wird beispielsweise eine Halskette in Ubulawu getaucht, worauf diese feierlich um den Hals des Patienten gelegt wird.

Die genaue Pharmakologie der Ubulawu-Zubereitung ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch sehr unerforscht. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass die traumintensivierende Wirkung durch Saponine bzw. sogenannte Triterpenoidsaponine hervorgerufen wird.

Traditionell wird Ubulawu, abhängig davon, wo die pflanzlichen Zutaten wachsen und gesammelt wurden, in die Kategorien Fluss (umlambo), Wald (ihlathi) und Grasland (ithafa) unterteilt. Eine Vielzahl der südafrikanischen und rituell genutzten Traumpflanzen wird unter der Sammelbezeichnung izilawu zusammengefasst, und einzeln werden sie meist als ubulawu bezeichnet; folglich bezieht dich der Name nicht nur auf die traumintensivierende Zubereitung, sondern ebenso auf mehrere Pflanzen.

Wichtig: Es werden nicht alle Pflanzen aus der Ubulawu-Familie innerlich appliziert, manche werden auch ausschließlich für rituelle Körperwaschungen genutzt, was zum Beispiel für die Wurzel der Kap-Seerose (Nymphaea capensis, uzuba) gilt. Alle Zutaten werden von Heilern grundsätzlich selbst gesammelt und nicht etwa auf den lokalen Kräutermärkten erworben.

Was die Etymologie des Begriffes Ubulwau betrifft, so handelt es sich um eine Ableitung aus dem Wort ukulawula, was im täglichen Sprachgebrauch übersetzt „Anweisungen geben“ bedeutet und im Kontext der Pflanzenmedizin so viel wie „von Träumen erzählen, in denen du Anweisungen von deinen Ahnen empfangen hast“ oder, wie dieser indigene Terminus auch vielfach übersetzt wird, als „der Geist, der einen leitet“.

Herstellung und Anwendung

Hergestellt wird Ubulawu traditionell bevorzugt morgens, kurz nach dem Aufstehen und noch bevor etwas gegessen oder getrunken wurde. Es wird sich in einen ruhigen Raum zurückgezogen, Kerzen werden angezündet und mit viel geistiger Hingabe sowie unter der Rezitation oder dem Gesang von Gebeten wird schließlich die Medizin zubereitet: Bestimmte, meist saponinhaltige und zu einem feinen Pulver gemahlene Pflanzenteile werden in einen großen Becher (ibhekile) gegeben, mit Wasser aufgegossen und so lange mit einem gegabelten Stock (ixhayi) gerührt und geschlagen, bis die Flüssigkeit – begründet durch die im Pflanzenmaterial verfügbaren Saponine – eine schaumige Konsistenz angenommen hat. Danach ist das Ubulawu anwendungsbereit, und der Schaum wird mit dem Mund abgesaugt und heruntergeschluckt. Da jedoch nicht alle Ubulawu-Pflanzen Saponine enthalten, ist das Getränk sehr selten auch schaumlos. Alternativ ebenfalls möglich, in traditionellen Settings jedoch eher untypisch, ist die Zubereitung der Pflanzen als Teeaufguss.

Ubulawu-Pflanzen (Auswahl)

Die Afrikanische Traumwurzel (Silene capensis) gilt weithin als die wichtigste Ubulawu-Zutat. Die Wurzel dieser Pflanze ist für die traditionellen Heiler ein Mittler von Weisheit und Wissen. Daneben existiert aber noch eine Vielzahl an sonstigen Pflanzenarten, die dem Ritualtrunk traditionell hinzugefügt und entsprechend für sakrale und traumverstärkende Zwecke eingesetzt werden:

Acacia elephantina (Ntolwane), Alberta magna (Umabophe), Asparagus setaceus (Ruringare), Behnia reticulate (Uzihlwele), Chionanthus battiscombei, Cyanotis speciosa (Umagoswana), Deinbollia oblongifolia (Umbangabanga), Dianthus mooiensis (Utshanibezwe), Entada rheedii (Umbhone), Gerbera piloselloides (Umqwashu), Helinus integrifolius (Ubhubhubhu), Lobelia coronopifolia (Itshilizi), Lobelia flaccida (Isidala), Maesa lanceolate (Umagupu), Pappea capensis (Uvuma Bomvu), Rhoicissus tridentata (Uchithibhunga), Rhus pauciflorus, Rubia cordifolia (Umalibombo), Scabiosa columbaria (Ibheka), Silene capensis (Ubulawu), Vachellia xanthophloea (Umhlosinga), Vernonia oligocephala (Ihlambihloshane) und Xysmalobium undulatum (Uzara).

Ubulawu – Psychoaktivität und Einflussfaktoren

Ubulawu wirkt in erster Linie als Oneirogen, also traumintensivierend. Auf unser Wachbewusstsein zeigt das Getränk, abgesehen von einer leichten Beruhigung, keine nennenswerten Wirkungen. Obwohl einige Oneironauten auch nach Einnahme von einmaligen Anwendungen eine spürbare Traumintensivierung festgestellt haben, ist es üblicherweise so, dass sich die Intensität der oneirogenen und geistöffnenden Eigenschaften mit jeder Einnahme ein wenig potenziert. Die Wirkung lässt sich aber nicht verallgemeinern, letztlich wirkt der sogenannte „Traumschaum“ bei jeder Person unterschiedlich, zumal auch die pflanzliche Zusammensetzung selten einheitlich ist. Am Ende ist es auch beim Ubulawu so, dass die psychoaktive Wirkung durch Dosis, Set und Setting bestimmt wird. Eine Erkenntnis, die auch den traditionellen Heilern bekannt ist. Sie sagen, dass die Ubulawu-Wirkung durch folgende Faktoren bestimmt wird.

1. Kombination der Ubulawu-Pflanzen: Die chemische Zusammensetzung der verwendeten Pflanzenteile und ihre jeweilige Dosierung sind wichtige Einflussfaktoren der Ubulawu-Erfahrung. Werden, wie es in traditionellen Zubereitungen oftmals der Fall ist, mehrere Pflanzen in Kombination verwendet, ist es von außerordentlicher Bedeutung, dass die pflanzlichen Zutaten in einem synergistischen Wechselspiel interagieren und sich nicht etwa negativ beeinflussen. Die Herstellung eines solchen Trankes sollte daher einem berufenen und erfahrenen Pflanzenheiler überlassen werden.

2. Psychische Verfassung und „Mind-Set“: Ängste und Unsicherheiten können die Öffnung in einen erweiterten Bewusstseinszustand verhindern und die Kommunikation mit den Ahnengeistern erschweren. Ebenso ist der Aspekt des Vertrauens ganz wichtig, was sich sowohl auf die Wirkkraft des Ubulawu bezieht, aber auch auf die Fähigkeiten des Heilers sowie auf die Verbindung zu den Ahnengeistern.

3. Spirituelle Verbindung zwischen Heiler und Initiand: Wenn zwischen dem Heiler und dem Patienten oder Initianden bzw. auch zu dessen Ahnengeistern auf der spirituellen Ebene keine Verbindung besteht, kann die Medizin nicht ihr volles Wirkpotenzial entfalten. Es heißt, dass der „richtige“ Heiler zum Initianden und dessen Ahnengeistern passen und zunächst einmal gefunden werden muss.

Viele traditionelle Heiler sind der Auffassung, dass Ubulawu nur dann luzide Träume unterstützt, wenn die Einnahme der Pflanzenmedizin in einem rituellen Setting stattfindet. Ist das nicht der Fall und wird die Medizin auf profane Weise rein hedonistisch eingenommen, begünstigt sie nicht das Phänomen des Klarträumens, sondern intensiviert lediglich das nächtliche Trübträumen; was mitunter sehr konfus und irritierend sein kann.

Hinweis: Die emetische (brechreizauslösende) Wirkung des Ubulawu, die in traditionellen Settings häufig erwünscht und Teil der rituellen Reinigung ist, tritt erst infolge hoher Dosierungen auf. Für diesen Zweck muss so viel der schaumigen Zubereitung getrunken werden, bis sich der Bauch stark aufgebläht anfühlt. Für eine rein oneirogene Verwendung ist die Einnahme von derart großen Mengen nicht zwingend erforderlich.

Literatur

Hirst, Manton (2005): Dreams and Medicines: The Perspective of Xhosa Diviners and Novices in the Eastern Cape, South Africa. In: Indo-Pacific Journal of Phenomenology, Volume 5(2), 1-22.

Sobiecki, J.F. (2008): A review of plants used in divination in southern Africa and their psychoactive effects. In: Southern Africa Humanities, Volume 20, 333-351.

Sobiecki, J.F. (2023): African Psychoactive Plants. Selbstpublikation des Autors.