× 40 Jahre Nachtschatten Verlag

R.I.P. Joanna Harcourt-Smith

Ausschnitt aus dem Film "My Psychedelic Lovestory" (2020)

R.I.P. Joanna Harcourt-Smith

Learys Liebschaft: Ein biografischer Nachruf

Ruhe in Frieden, Joanna Harcourt-Smith (13. Januar 1946 – 11. Oktober 2020)

Was musste eine Frau wohl aushalten, um sich auf eine Liebschaft mit dem Freigeist und Drogenrevolutionär Timothy Leary einzulassen? Sie sollte sicherlich selbst eine Freundin der psychoaktiven Erfahrung sein: “Experienced”, wie man in manchen Kreisen zu sagen pflegt. Mutig und geduldig musste sie wohl sein, um eine Beziehung mit dem, laut Präsident Richard Nixon, “gefährlichsten Mann Amerikas” einzugehen, der viele Jahre seines Lebens zu Unrecht hinter Gittern saß. Und sie war stets fest entschlossen, ihrem Partner mit all ihrer Kraft beiseite zu stehen – auch, wenn dieser wegen lediglich 00,1 Gramm Cannabis fünf bis zehn Jahre im Gefängnis verbringen sollte.

Joanna Harcourt-Smith war eine solche Frau. Sie verliebte sich 1972 in Timothy Leary, den Mann, der von der US-amerikanischen Regierung und zahlreichen Geheimdiensten gesucht wurde, weil er sich für die Distribution von Lysergsäurediethylamid (LSD-25) und anderer Psychedelika einsetzte und in dieser Substanz ein großes Heilsversprechen für die Menschheit sah.

1972: Eine Liebesgeschichte auf der Flucht

Harcourt-Smith war 26 Jahre alt, als sie den flüchtigen Leary kennenlernte. Letzterer war in Genf als Gast bei Michel Hauchard geladen, einem dubiosen französischen Waffenhändler, der sich durch die Bekanntschaft mit dem „Superstar“ Leary finanzielle Vorteile versprach.

Als sich Timothy und seine damalige Ehefrau Rosemary trennten, dauerte es nicht lange, bis er und Hauchards Ex-Freundin Joanna sich kennen und lieben lernten. So flohen die beiden gemeinsam, als die Schweizer Obrigkeit Leary kein weiteres Asyl gewähren wollte. Das Paar reiste zunächst nach Österreich, um dort Zuflucht zu finden – doch auch dort waren die Verantwortlichen wenig davon begeistert, die beiden aufzunehmen.

Auf der Suche nach einem Land ohne Auslieferungsvertrag mit den USA, wurde Leary zugetragen, dass Afghanistan bereit wäre, ihn aufzunehmen, da der Neffe des Königs ein Stoner und Fan des LSD-Advokaten sei.

Der Verrat

Doch Harcourt-Smith und Leary liefen damit in eine vorbereitete Falle. Der ehemalige Weggefährte Learys, Dennis Martino, war zum Informanten der DEA geworden und kooperierte um Leary nach Afghanistan zu locken. Kurz nach der Ankunft in Afghanistan wurden die beiden Flüchtigen vom amerikanischen Geheimdienst aufgegriffen und in die USA verbracht.

Warum auch Harcourt-Smith in die USA gebracht wurde, obwohl ihr keinerlei Verbrechen zur Last gelegt werden konnte, blieb ein Rätsel. Lange Zeit wurde deshalb angenommen, dass sie die Informantin der DEA gewesen sei, was ihr große Antipathien in der Gegenkultur einbrachte.

Später äußerte sie sich zu den Vorwürfen:

»Die Regierung hat damals die Gerüchte in Umlauf gebracht, dass ich ihnen Timothys Aufenthaltsort verraten habe, so dass er verhaftet werden konnte. Das hetzte die Gegenkultur gegen mich auf. Menschen in Machtpositionen sind sehr gut in der Taktik des „Teilens und Herrschens“«.

Starseed Information Center

Zurück in den USA sah sich Leary nicht nur mit seiner ursprünglichen Strafe von zehn Jahren konfrontiert, sondern im schlimmsten Falle mit 75 Jahren, die er wegen der Flucht und seiner angeblichen Drogenschmuggeltätigkeiten aufgebrummt bekommen sollte.

Leary wurde nach seiner Verurteilung in das Folsom State Prison in Kalifornien gebracht, um dort seine Strafe – in Einzelhaft – abzusitzen. Während Leary die Haftzeit dazu nutzte, sein Manuskript zu „Neurologic“ zu schreiben, setzte Joanna alle Hebel in Bewegung, um seine Freilassung zu erwirken.

So gründete sich das „Starseed Information Center“, um Learys Schriften (wie die „Starseed Transmissions“) zu verlegen, Events zu Organisieren und Spenden zu sammeln.

Diese Schriften markierten Learys erstmalige Abwendung von den klassischen Hippie-Themen der 60er, hin zu seinen markanten Science-Fiction-Theorien, wie der Autor Erik Davis resümiert:

„In [dieser] Reihe von Heftchen und selbstverlegten Texten kehrte Leary der Hippie-Hindu-Mystik seiner 60er-Jahre-Persönlichkeit den Rücken und machte sich ein futuristisches Weltbild des raumfahrenden Sci-Fi-Techno-Optimismus zueigen.“

Liebende im Hochsicherheitstrakt

Smith führte zu dieser Zeit – gemäß ihrem Hippie-Dasein und ihrer Kontakte zu Leary – ein entsprechend bewegtes Leben: So schmuggelte sie auf Nachfrage ihres Liebhabers eine geringe Menge LSD ins Gefängnis.

Um das Acid unbemerkt in den Hochsicherheitstrakt schmuggeln zu können, legte sie einige Streifen transparenter Folie in die Flüssigkeit ein und klebte diese anschließend direkt in ihren Bauchnabel.

Durch diese Schmuggelmethode nahm sie bereits auf der Fahrt zum Gefängnis Veränderungen ihres Bewusstseins war, denn sie nahm einiges der transparenten LSD-Trips selbst über die Haut auf:

»Folsom Prison erschien mir wie ein mittelalterliches französisches Verlies, in dem mein Prinz unter Verschluss und in Ketten gehalten wurde. Ich fragte mich, wie die Einlasskontrolle und die Durchsuchung ablaufen würden. Würde meine zunehmende Angst mich veranlassen, etwas zu tun, das meinen Zutritt zum Gefängnis gefährden würde?«

Bevor sich beide zur Begrüßung innigst küssten, verrieb sie etwas von dem Acid auf ihrer Zunge. Damit konnte sie ihrer Romanze einen Acid-Trip ermöglichen, ohne dabei den Argwohn der aufmerksamen Gefängniswärter auf sich zu ziehen, die üblicherweise jeglichen Körperkontakt, bis auf die Begrüßung, verboten hatten.

Die folgenden innigen Stunden hat Harcourt-Smith viele Jahre später in einem Artikel „The Secret Sacred Use of the Belly Button“ anschaulich und amüsant zu Wort gebracht.

Freilassung und Trennung

Leary willigte im Gefängnis ein, als Informant für das FBI zu arbeiten und erwirkte dadurch seine frühzeitige Begnadigung im Jahr 1976. Einige seiner damaligen Zeitgenossen waren alles andere als erfreut über diese Tätigkeiten, obwohl seine (möglicherweise erfundenen) Informationen nicht für weitere Strafverfolgung eingesetzt wurden. Es bleibt bis heute kontrovers diskutiert, ob Leary dabei ein doppeltes Spiel mit den Behörden trieb.

Die beiden wurden aufgrund dieser Kontroverse in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen und lebten als Nora und James Joyce in Santa Fe (New Mexico). Doch die Liebe der beiden schwand; Harcourt-Smith war der Meinung, dass Leary die Jahre in Einzelhaft geschadet hätten. Sie stritten viel und verfielen schließlich dem Alkoholismus. Eine Trennung wurde unausweichlich.

Wanderjahre und letzte Tätigkeiten

Gebrochenen Herzens reiste sie in die Karibik und lebte dort für einige Jahre auf ihrem Segelboot mit dem Namen „Kentra“. 1983 schwor sie dem Trinken ab und siedelte schließlich wieder nach Santa Fe um, wo sie ihr Leben von Neuem beginnen wollte.

Sie wandte sich dem Buddhismus zu, arbeitete als Köchin und startete dann 2006, mit dem spanischen Mystiker José Luis Gómez Soler, die Webseite mit zugehörigem wöchentlichem Podcast „futureprimitive.org“.

In den folgenden Jahren veröffentlichte Sie zahlreiche Artikel zu psychedelischen Drogen und ihrer Biografie, aber auch zu kontroversen Gegenkulturellen Themen, wie dem Schicksal von Julien Assange.

Ihre Memoiren „Tripping the Bardo with Timothy Leary“ wurden 2013 veröffentlicht – die Filmrechte gingen an den Regisseur und Oscar-Gewinner Errol Morris. Die Dreharbeiten begannen im Dezember 2019, die Veröffentlichung des Filmes ist für den 29.11.2020 geplant.

Darüber hinaus ist sie im 2014 erschienenen Film „Dying to Know: Ram Dass & Timothy Leary“ zu sehen.

Ihr letztes Werk war das bisher unveröffentlichte Buch „Change your beliefs, change your life. Surviving Timothy Leary“.

Lebensende

Joanna Harcourt-Smith starb am 11. Oktober 2020 im Alter von 74 Jahren. Sie hinterlässt ihren Lebensgefährten sowie ihre drei Kinder Lara Tambacopoulou, Alexis d’Amecourt und Marlon Gobel, dessen Vater Timothy Leary war.

Teile der Gegenkultur legten ihr die mutmaßlichen Verfehlungen Learys (wie die Zusammenarbeit mit den Behörden) zur Last, obwohl sie nach deutlichen Aussagen von Zeitzeugen Leary stets loyal war und dessen Bestes im Sinn hatte.

Mit dem Tode von Joanna Harcourt-Smith wechselt eine hingebungsvolle psychedelische Aktivistin, Autorin und Poetin die Dimension, die sich um die Szene verdient gemacht hat.

Mirko Berger und Dirk Netter